Notice: Undefined variable: idd in /home/.sites/84/site2667239/web/cms/wp-content/themes/ue-ridler/single-projekte.php on line 8 Gerda Ridler | Werkverzeichnis Peter Weber Struktur und Faltung

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Peter Weber, Streifenfaltung 5 FBLC6 – 2011, Filz cyanblau gefaltet, 2011

 
Gerda Ridler: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister
Zum Werk von Peter Weber, Haupttext im Werkverzeichnis Peter Weber „Struktur und Faltung“, München 2019

 

Wer Großes will, muss sich zusammenraffen:
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Johann Wolfgang von Goethe

 
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister
Zum Werk von Peter Weber

 
»In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister«, hat Goethe in seinem Sonett Natur und Kunst geschrieben. Es wurde erstmals am 26. Juni 1802 in der Kurstadt Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt anlässlich der Eröffnung des von ihm initiierten Schauspielhauses vorgetragen. Während am Spielplan des neuen Theaters La Clemenza di Tito von Wolfgang Amadeus Mozart stand, hatte der Dichter eigens für diesen Anlass das Vorspiel Was wir bringen verfasst. Im Schlussterzett, aus dem vor allem der zweite Vers als geflügeltes Wort große Verbreitung fand, vermittelt uns Goethe, dass wahre Meisterschaft nur in der Konzentration, der Beschränkung der Mittel und innerhalb eines klar definierten Gefüges möglich ist. Genau das sind jene Parameter, die das Werk von Peter Weber bestimmen.
 
Wer Großes will, muss sich zusammenraffen
Womöglich hatte Peter Weber zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn nichts Großes im Sinn. Noch konnte er nicht ahnen, dass er später zu einem der zentralen Protagonisten im Bereich der Konkreten Kunst aufsteigen und die Technik der Faltung zu einer Meisterschaft entwickeln würde. Als 19-Jähriger absolvierte er von 1963 bis 1965 eine Lehre als Schriftsetzer, im Anschluss studierte er an der Fachhochschule in Hamburg. Er hatte das Glück, in Max H. Mahlmann auf einen Lehrer im Fachbereich Gestaltung und einen Lebensmenschen zu treffen, der für seine künstlerische Vita einflussreich und bedeutsam werden sollte. Über die enge Lehrer-Schüler-Beziehung hinaus war Peter Weber mit Max H. Mahlmann bis zu dessen Tod im Jahr 2000 eng und freundschaftlich verbunden. Mahlmann war als Künstler mit dem Kosmos der konkret-konstruktiven Kunst fest verbunden, als Lehrer hatte er Vorbildfunktion und die Gabe, seine Schüler mit seiner anregenden Neugierde zu begeistern. Bei Peter Weber sprang der Funke rasch über und entbrannte vor allem in Bezug auf konstruktives Gestalten zu einem leidenschaftlichen Feuer.
In den frühen 1970er-Jahren war Peter Weber vom künstlerischen Zeitgeist gefangen – der Op-Art und der Kinetik. Künstlerinnen und Künstler wie Victor Vasarely oder Bridget Riley waren ihm mit ihren Untersuchungen von Wahrnehmungsprozessen und visuellen Phänomenen Vorbilder. Schon früh entwickelte er neben dem Studium und dem pflichtbewussten Besuch der Grundkurse bei Mahlmann erste eigene künstlerische Arbeiten, die von seinem Lehrer mit Anerkennung honoriert wurden. Es handelte sich dabei um Werke mit Riffelglas, die durch Veränderung des Blick- und Standpunktes virtuelle Bewegungen erzeugten. Diese frühen kinetischen Arbeiten entstanden in der Zeit von 1969 bis 1974 und antizipierten damit ähnliche Werke von Ludwig Wilding. Das »Zusammenraffen« im Sinne von Goethe wurde von Peter Weber seit jeher praktiziert. Die Konzentration auf eine Sache war ihm von Beginn an wichtig; nie hat er sich mit dem Ausprobieren verschiedener Techniken und Stile verzettelt, sondern sich stets mit Hingabe und Präzision mit einer Sache befasst. So löste 1974 die illusionistische Malerei die Riffelglas-Ära ab. In der Folgezeit hat sich Peter Weber mit einer sehr aufwendigen Technik visuellen Phänomenen und optischen Effekten in der Malerei gewidmet. Mit Ziehfeder und Acrylfarbe entstanden Bilder mit Linienstrukturen, die allesamt mit einem Grund- und einem darüberliegenden Deckraster in Nass-in-Nass-Technik ausgeführt wurden. Während die Ziehfeder-Technik eine sehr gleichmäßig aufgetragene Farbe garantiert, ermöglicht seine serielle Farb-Chromatik, mit zwei Parallelrastern imaginäre Wölbungen, Kreise, Ellipsen oder Kreuze darzustellen. Peter Webers künstlerisches Interesse galt dem Raum, der auf der zweidimensionalen Bildfläche mit malerischen Mitteln illusioniert wurde. Im Rückblick auf seine künstlerische Entwicklung kann festgestellt werden, dass die Auseinandersetzung mit dem Raum das künstlerische Lebensthema von Peter Weber ist, das sich von der imaginären Dreidimensionalität in der Malerei hin zum realen Raum in der Faltung entwickelte.
 
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister
Die Phase der Auseinandersetzung mit der kinetischen Kunst und Op-Art währte 20 Jahre. Ab 1990 überrascht Peter Weber mit einem neuen künstlerischen Konzept, das er bereits Mitte der 1970er-Jahre für sich entdeckt hat: die Faltung. So wie Goethe davon überzeugt war, dass wahre Meisterschaft nur möglich ist, wenn man sein Tun auf ein Gebiet beschränkt, so hat auch Peter Weber die Malerei zugunsten der Faltung völlig aufgegeben. Dieser Technik hat sich der Künstler umfassend verschrieben und sie zu einer virtuosen Meisterschaft entwickelt. In der bildenden Kunst ist das Spezialgebiet der Faltung eine selten angewandte Technik, kein anderer Künstler arbeitet in dieser Konsequenz und Intensität mit dieser Methode. Seine Arbeitsweise bestimmt seine Kunst, und Peter Weber nimmt damit im Bereich der Konkreten Kunst eine singuläre Position ein. Die Faltung ist zu seinem Stil und zu seinem Markenzeichen geworden.
Die Beschränkung im Sinne von Goethe zeigt sich aber nicht nur in der völligen Aufgabe der Malerei und in der Konzentration auf die Faltung, sondern die Technik selbst kann als eine Beschränkung angesehen werden. Denn einzig das zu faltende Material ist die Basis der künstlerischen Auseinandersetzung, es allein ist Gegenstand der Darstellung, ihm wird nichts hinzugefügt und nichts weggenommen. Das Material ist dem Künstler selbst genug, seine Schaffenskraft, seine schöpferischen Ideen und sein handwerkliches Können verwandeln plane Flächen in räumliche Falt-Gebilde. Die Faltung ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit, sie beschreibt den Vorgang, eine zweidimensionale Fläche ohne Schnitte in eine kleinere, dreidimensionale Einheit zu transformieren. Das Ausgangsmaterial erfährt durch das Falten eine Metamorphose, ohne dass der Werkstoff zerstört oder beschnitten wird, er bleibt in seiner Ganzheit erhalten. Das Falten ist uns am ehesten durch das Origami, die traditionelle japanische Papierfalttechnik bekannt. Während beim Origami kunstvolle Figuren und komplizierte gegenständliche Objekte entstehen, faltet Peter Weber ausschließlich hoch komplexe geometrische Strukturen, die miteinander vernetzt sind. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt sich der Künstler ausschließlich mit dieser Methode und hat sie in einer jahrelangen künstlerischen Recherche zu einer ausgefeilten Technik entwickelt. Das Fundament seiner Arbeit bilden empirische Analysen, die neue Erkenntnisse auf methodischem Weg zutage fördern. Trial-and-Error-Methode nennt Peter Weber seine Versuchsanordnungen.
Genau wie Goethe stets daran interessiert war, seinen Formenreichtum zu erweitern und seine künstlerische Vielfalt unter Beweis zu stellen, so ist auch Peter Weber darum bemüht, innerhalb des Spezialgebiets der Faltung zu neuen künstlerischen Lösungen zu kommen. In der Beschränkung offenbart sich auf diese Weise ein erstaunlicher Variantenreichtum, der durch immer neue Faltkonstruktionen und die Wahl unterschiedlicher Materialien beflügelt wird. Jedes Material hat seine eigene Art der Verarbeitung und bestimmt durch seine stofflichen Eigenheiten das Ergebnis des Faltprozesses. Begonnen hat Peter Weber mit Papierfaltungen, gefolgt von Baumwolle und Leinwand. Danach schlossen sich Faltungen mit einem semitransparenten Kunststoff, dem Material HDPE (Hochverdichtetes Poly-Ethylen), und Edelstahl an; industriell hergestellter Filz und Stahl sind die Werkstoffe, die aktuell vorrangig zum Einsatz kommen. Jedes Material hat seine eigene Charakteristik und verlangt dem Künstler teils heftigen körperlichen Einsatz ab, wenn es in die gewünschte Form gebracht werden soll. Ein mehrere Zentimeter dicker Filz will nicht notwendigerweise gefaltet werden und sträubt sich. Peter Weber nutzt hier gerne den Terminus »bändigen«, um die Kraftanstrengung sprachlich zu fassen, die ihm das Material beizeiten abringt. Das Zähmen des Werkstoffs bringt den Künstler zwar oft an die Grenze des Machbaren, verleiht der realisierten Bildidee aber eine umso höhere Spannung. Die besondere Intensität bei der Herstellung ermöglicht eine ebenso intensive Rezeption. Überhaupt gehen seine variantenreichen Faltobjekte in ihrer sinnlichen und ästhetischen Qualität weit über ihre faktische Beschaffenheit hinaus.
 
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben
Goethe beschreibt in diesem letzten Vers seine Überzeugung, dass jeder, der Vollkommenes schaffen möchte, bestimmte Normen und Regeln beachten muss. Mit »Gesetz« sind jene Rahmenbedingungen gemeint, innerhalb derer sich schöpferische Gestaltung frei entfalten kann. Peter Webers künstlerische Freiheit entwickelt sich innerhalb der Konkreten Kunst, die von einer strengen Systematik und einem starken theoretischen Überbau geprägt ist. Wesentliche Grundlage dieser Kunstrichtung ist, dass sie die sichtbare Welt nicht abbilden will und jeglichen Verweischarakter auf Gegenständliches oder von der Natur Abgeleitetes ablehnt. Dargestellt werden objektive und nachvollziehbare Strukturen, deren Basis ein rational-konstruktives Formenvokabular bildet, das sich aus Linien, Flächen, Farben, Formen und dem Material zusammensetzt. Die bildimmanenten Mittel werden zum Thema der Darstellung gemacht, wobei eine explizite Bildidee am Beginn jeden konkreten Gestaltens stehen muss.
Für die Entwicklung der Konkreten Kunst sind Theo van Doesburg (1883–1931) und Max Bill (1908–1994) von zentraler Bedeutung. Ihre Manifeste und Proklamationen bilden das Fundament einer auf geometrischer Gestaltung beruhenden Kunst, die sich nur auf ihre eigenen Ausdrucksmittel bezieht. Dabei sind Rationalität und mathematische Berechenbarkeit wesentliche Parameter, wie Theo van Doesburg feststellte: »Wir sind Maler, die denken und messen«, schrieb er 1930 im Manifest Grundlagen der Konkreten Kunst. Auch Peter Weber ist ein Künstler, der denkt und misst. Seinen komplexen Faltstrukturen legt er klare konstruktive Konzepte zugrunde, die einen hohen intellektuellen Zugang, entsprechendes mathematisches Verständnis und Forscherdrang voraussetzen. Beim Falten gibt es keine Spontaneität, keine unvermittelten Ideen, die kurzerhand im Gestaltungsprozess umgesetzt werden, sondern alle Konstruktionsschritte sind vorab geistig ausformuliert und detailreich geplant. Max Bill stellte dazu 1949 fest: »konkrete malerei und plastik ist die gestaltung von optisch wahrnehmbaren. ihre gestaltungsmittel sind die farben, der raum, das licht und die bewegung. durch die formung dieser elemente entstehen neue realitäten. vorher nur in der vorstellung bestehende abstrakte ideen werden in konkreter form sichtbar gemacht.« Das Sichtbarmachen der konkreten Idee passiert bei Peter Webers Faltungen auf eine besondere Weise: Im Unterschied zu anderen Künstlern, die das Ergebnis ihres Schaffensprozesses stets vor Augen haben, arbeitet Peter Weber auf der Rückseite seiner Werkstücke. Hier bringt er alle Konstruktionslinien auf und bereitet die Faltung durch das Nuten des Materials vor. Nach Abschluss des gesamten Faltprozesses, der aufgrund der Vernetzung der Strukturen in einem Zug passieren muss, tritt erst mit dem Wenden des Werkstückes die Sichtseite zutage. Wie entscheidend eine achtsame und akkurate Planung ist, zeigt sich vor allem am Ende der Ausführung, denn jeder minimale Berechnungsfehler eines Winkels oder jede unstimmige Maßeinheit verfälschen das Ergebnis und haben Auswirkungen auf die gesamte Komposition. Der systematische Zusammenhang ist nicht nur bei den Faltungen von Peter Weber von zentraler Bedeutung, sondern er ist ein Wesensmerkmal der Konkreten Kunst. Bemisst man diese an den Gestaltungsspielräumen des ihr zugrunde liegenden Materials, so gehört Peter Weber zu den ideenreichsten Vertretern dieser Zunft. Mit der Technik des Faltens hat er dem strengen Formenvokabular der Konkreten Kunst zudem eine neue Facette hinzugefügt.
 
Aller guten Dinge sind drei
Bestimmen die drei Parameter – Konzentration, Beschränkung der Mittel und ein klar definierter Rahmen – das künstlerische Schaffen, so hat darüber hinaus die Zahl Drei eine zentrale Bedeutung für den Künstler und Menschen Peter Weber. Als Maß- und Strukturelement ist sie sowohl in der Malerei als auch in der Faltung omnipräsent. Die frühen seriellen Malereien wurden ausschließlich mit drei Linienrastern komponiert, in der Faltung findet die Dreizahl in Komposition und Konstruktion bis heute Anwendung. Die Zahl ist für Peter Weber auch eine Lebenszahl, die beispielsweise in den Geburten seiner drei Töchter auftaucht: 1980, 1983, 1986. Und zuletzt, wie könnte es anders sein, ist auch Peter Weber an einem dritten Tag geboren, nämlich am 3. Januar 1944. In der Numerologie steht die Zahl Drei für schöpferische Kraft, Lebensfreude und für ein hohes Maß an Prinzipientreue. Diese Persönlichkeitsmerkmale passen perfekt zum Künstler Peter Weber, zu seinem heiteren Gemüt und seiner Konsequenz, in der Kunst keine Kompromisse einzugehen. In seinem Lebenskosmos lässt sich ein weiterer Dreiklang ausmachen: Neben der Kunst nehmen die Musik und die Natur in Form von Bienen zentrale Rollen ein. Die bildende Kunst und die Jazz-Musik bestimmen seit den späten 1960er-Jahren sein künstlerisches Schaffen; seit über dreißig Jahren beschäftigt er sich auch mit Bienen und stellt einen in der Kunstwelt einzigartigen und unübertroffenen Honig her. Der übergeordnete ganzheitliche Organismus, der ein Bienenvolk leitet, ist für Peter Weber zu einem großen Vorbild und Lebensmotto geworden. Seine holistische Denkweise spiegelt sich auch in der Kunst wider. Durch das Prinzip des Faltens bleibt jedes Objekt trotz der Vielheit eine Einheit. So zeigt sich einmal mehr, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
 
[Gerda Ridler, 2019]