Notice: Undefined variable: idd in /home/.sites/84/site2667239/web/cms/wp-content/themes/ue-ridler/single-projekte.php on line 8 Gerda Ridler | Museum Kunst der Verlorenen Generation


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Eröffnung der Ausstellung „Wir haben Euch nicht vergessen!“
Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer, Dr. Gerda Ridler, Prof. Dr. Heinz Böhme, Salzburg, 2019
Gäste bei der Eröffnungsveranstaltung, Familie Etz, Salzburg 2019

Gerda Ridler: Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Wir haben Euch nicht vergessen!“
Museum Kunst der verlorenen Generation, Salzburg
am 10. April 2019

 
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
lieber Herr Dr. Böhme,
geschätzte Damen und Herren!
 
Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, heute Abend einige Worte zur Eröffnung der zweiten Sammlungspräsentation hier im Museum Kunst der verlorenen Generation sprechen zu dürfen.
Ich werde in meiner Rede drei Themenbereiche streifen: Zu Beginn möchte ich Sie auf ein neues Phänomen in der Museumslandschaft aufmerksam machen, um danach die Sammlung von Herrn Dr. Böhme inhaltlich kurz zu skizzieren und abschließend werde ich einige ausgewählte Werke der aktuellen Ausstellung vorstellen.
 
Seit den 1990er Jahren lässt sich in der deutschsprachigen Museumslandschaft ein neues Phänomen beobachten: Bei diesem Phänomen handelt es sich um die Gründung von privat geführten Kunstmuseen. Es sind vornehmlich wohlhabende Sammlerinnen und Sammler moderner und zeitgenössischer Kunst, die sich den Traum vom eigenen Museum erfüllen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind allein im deutschsprachigen Raum mehr als 40 Privatmuseen entstanden. Privat meint hier: Das Museum wurde von einem/r Sammler/in gegründet und wird autonom geführt, also völlig ohne Zuschüsse und Mittel der öffentlichen Hand. Noch nie zuvor sind in der gut 200jährigen Museumsgeschichte so viele Museen von Privatsammlern gegründet worden wie in den letzten drei Dekaden. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele:
 
Eine der ersten privaten Museumsgründungen verwirklichte 1991 der Unternehmer Reinhold Würth im schwäbischen Künzelsau und später in Schwäbisch Hall. Ich nenne den Sammler auch deswegen, weil er zur Stadt Salzburg eine enge Beziehung pflegt und sich hier in besonderem Maße für die zeitgenössische Kunst engagiert.
In Baden-Württemberg, der Heimat von Reinhold Würth, lässt sich deutschlandweit die größte Dichte an privaten Kunstmuseen finden. Es sind maßgeblich mittelständische Unternehmer-Familien, die eigene Kunst-Museen gegründet haben wie das Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart, die Kunsthalle Weishaupt in Ulm, das Schauwerk in Sindelfingen, das Museum Biedermann in Donaueschingen oder der Kunstraum Alexander Bürkle in Freiburg, um nur einige zu nennen.
Eines der meistbesuchten Museen in Deutschland, mit jährlich rund 200.000 Besuchern, ist das privat geführte Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Und eines mit der exklusivsten Zugänglichkeit, weil immer über Monate ausgebucht, ist die Privatsammlung Boros – spektakulär inszeniert in einem Hochbunker im Zentrum Berlins.
Der museale Blick auf Österreich führt uns zum Kunstmuseum Artemons im Mühlviertel, dem Museum Liaunig in Kärnten und zum Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels.
 
Bis 2016 hat auch das Essl Museum in Klosterneuburg die Kunstszene Österreichs bereichert. Nach 17-jähriger Museumsarbeit musste das Museum schließen, weil mit dem Konkurs der Firma Baumax, das Museum seine finanzielle Basis verloren hat. Das zeigt einen wesentlichen Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Museen auf: Privateinrichtungen haben eher temporären Charakter, während Beständigkeit die öffentlichen Museen auszeichnet.
 
Natürlich wünscht sich jeder Sammler, dass sein Lebenswerk dauerhaft bleibt. Dies scheint aber nur mit einer gemeinnützigen Stiftung, in der Vermögen und Kunstwerke eingeschrieben sind – und damit eben unveräußerliches Kapital darstellen – möglich zu sein. Herr Dr. Böhme hat kürzlich so eine Stiftung gegründet und kann damit gewährleisten, dass sein Museum auf Dauer gesichert werden kann.
 
Der markanteste Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Museen liegt allerdings in ihren grundsätzlich konträren Ausrichtungen: Öffentliche Museen vertreten das Objektive, Privatmuseen leisten sich Subjektivität. Und genau das ist ihr Erfolgsgeheimnis.
Die subjektive Note zeigt sich sowohl in den Inhalten der Sammlung als auch in der Art deren Präsentation und Vermittlung. Privatmuseen profitieren zudem von ihrer Unabhängigkeit – sie sind im Unterschied zu öffentlichen Häusern an keinerlei Vorgaben gebunden und können mit ihrer Kunst und mit ihren Museen daher tun und lassen, was ihren persönlichen Neigungen entspricht und was ihr Geldbörsel hergibt.
 
Für die Gesellschaft und das kulturelle Gemeinwohl haben private Sammlermuseen enorme Bedeutung. Sie tragen zur positiven Belebung und zur Vielfalt der Ausstellungskultur bei, weil viele Menschen mit Kunstwerken in Kontakt kommen können, die ihnen sonst unzugänglich bleiben würden. Auf diese Weise fördern sie das Verständnis für moderne und zeitgenössische Kunst und unterstützen damit auch den öffentlichen Auftrag zur Förderung und Vermittlung von Kunst.
 
Privatsammler haben auch stets die Vielfalt gefördert. Sie sind es, die oftmals künstlerische Randpositionen in ein öffentliches Licht rücken. Auch die Sammlung Böhme umfasst ein spezifisches Thema, dem sich kein öffentliches Museum in dieser Intensität und vor allem in dieser Ausschließlichkeit widmet.
Herr Dr. Böhme sammelt Kunstwerke von Künstlern der sogenannten verschollenen oder der verlorenen Generation. Es sind damit jene Kunstschaffenden gemeint, die um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert geboren wurden. Es ist jene Generation, die „von der Weltgeschichte mehrmals überrollt wurde“, wie das Rainer Zimmermann einmal sehr markant formuliert hat.
 
Nach dem Inferno des Ersten Weltkriegs gelang es ihnen in den 1920er Jahren ihr Kunststudium zu absolvieren und als Künstler erste Erfolge zu erzielen. Doch schon kurze Zeit später wurden sie als zweite Generation der Expressionisten im Dritten Reich diffamiert, verfemt, mit Berufsverboten belegt, in die Emigration gezwungen oder deportiert.
Jene, die die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs überlebt hatten, konnten in den Nachkriegsjahren kaum mehr an ihre früheren Erfolge anschließen. Denn ab den 1950er Jahren dominierte im Westen die abstrakte Kunst, im Osten Deutschlands herrschte der staatlich verordnete Sozialistische Realismus vor. Die in der Zwischenzeit 50-Jährigen wurden aufgrund ihres expressiv-realistischen Schaffens öffentlich kaum wahrgenommen und sind daher unbeachtet und unbekannt geblieben, genau so wie ihre emigrierten Künstlerkollegen. Daher bezeichnet man sie als die „verlorene Generation“.
 
Die Sammlung Böhme vereint insgesamt rund 350 Kunstwerke von ca. 180 Künstlerinnen und Künstlern. Viele Namen sind darunter, die selbst für Kunsthistoriker/innen unbekannt sind. Wenn man aber die Qualität so mancher Werke betrachtet, ist es verwunderlich, dass diesen Künstlern eine überregionale Bekanntheit verwehrt wurde.
 
( … )
 
Im letzten kleinen Zimmer, dem Salon, werden Sie auf die Werke von Heinrich Esser treffen. Es sind ausdrucksstarke, intensive Gemälde, auf die Herr Dr. Böhme bereits hingewiesen hat. Einige wenige Fotografien und ein schmaler Ordner mit Dokumenten ist alles, was von diesem Künstlerleben übrig blieb. Und so stehen die Geschichte dieses Künstlers und die Geschichte dieser Werke repräsentativ für ein Generationenschicksal.
 
Es ist ein Glücksfall, wenn Sammler wie Herr Dr. Böhme öffentlich zugängliche Kunsteinrichtungen gründen, die bei freiem Eintritt zugänglich sind und den Künstlern der verlorenen Generation auf Dauer einen Platz in unserem kulturellen Gedächtnis sichern.
Ebenso ist es ein Glücksfall, dass die Stadt Salzburg das Privileg genießt, dass dieses Museum hier angesiedelt.
 
Lieber Herr Dr. Böhme, dafür gilt Ihnen unser herzlicher Dank!
 
[Gerda Ridler, 2019]