Notice: Undefined variable: idd in /home/.sites/84/site2667239/web/cms/wp-content/themes/ue-ridler/single-projekte.php on line 8 Gerda Ridler | Archiv-Dokumentation Inge Dick & Nachlassverwaltung

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Inge Dick (*1941)
blau, unendlich 2018/12 – 2018;

Herzliche Gratulation an Inge Dick!
Sie hat den Österreichischen Kunstpreis für Künstlerische Fotografie 2020 erhalten.

 
Der Österreichische Kunstpreis wird etablierten Künstlerinnen und Künstlern für ihr Gesamtwerk zuerkannt und jährlich vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport vergeben. Mit dem Preis werden sowohl ein facettenreiches Kunstschaffen, ein umfassendes Oeuvre als auch die kontinuierliche inhaltliche Weiterentwicklung in der künstlerischen Arbeit gewürdigt.
 
Gerda Ridler:
Resonanzbeziehung
Zum fotografischen und filmischen Werk von Inge Dick

 
Wir leben in einer Welt, die von Geschwindigkeit, virtuellen Beziehungen und wachsender Entfremdung geprägt ist. In unserem beschleunigten Leben fehlt oft die Zeit, sich von Dingen und Menschen tiefer berühren zu lassen. Was dadurch verloren geht, ist die Resonanz, die uns in Einklang mit uns selbst und in Harmonie mit der uns umgebenden Welt bringt. „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“, sagt der Soziologe Hartmut Rosa, der die Qualität des menschlichen Lebens darin sieht, dass sie Ausdruck stabiler Resonanzverhältnisse ist.
 
Inge Dick ist ein Mensch, dem Resonanz im Tun und Denken wichtig ist. Sowohl ihre Persönlichkeit als auch ihre Kunst erzeugen einen positiven Resonanzraum, dem man sich kaum entziehen kann. Das trifft auf alle ihre unterschiedlichen Werkserien zu, seien es ihre weißen Malereien, ihre architekturbezogenen Projekte, ihre Arbeiten mit Polaroids oder ihre filmischen Serien. Im Besonderen aber trifft es auf die Fotoarbeiten des jüngsten Projektes „jahres licht weiss“ zu, bei dem die Betrachter/innen einem nuancenreichen Farbspektrum gegenüber stehen, das sogleich ein Gefühl von Vertrautheit und Nähe erzeugt. Es sind die vielfältigen Farben eines lichten Tages, konkrete Abbilder der Realität, die, wie es Heinz Gappmayr einmal ausdrückte, die „Unmittelbarkeit der Wirklichkeit“ darstellen.
 
Inge Dick ist eine ungegenständliche Künstlerin, die dem weiten Feld der geometrisch-abstrakten und konkreten Kunst und Fotografie zuzuordnen ist, mit ihren außergewöhnlichen Werken über deren strengen Rahmen aber weit hinausgreift. Die Künstlerin bezeichnet sich selbst gerne als Malerin, denn die konzeptuelle Malerei steht nicht nur am Beginn ihres künstlerischen Werdegangs sondern flankiert alle ihre späteren Werkzyklen. Die zentralen Parameter des künstlerischen Universums von Inge Dick sind im malerischen Frühwerk bereits angelegt: Die Konzentration auf das Phänomen des Lichts in einem präzise konstruierten Kontext von Wahrnehmung und Zeit.
 
Inge Dick arbeitet mit natürlichem Licht, das zwar keine physisch greifbare, aber eine über die Wahrnehmung fühlbare Präsenz besitzt. In jahrelanger, fast wissenschaftlicher Akribie ist es ihr mit unterschiedlichen Medien gelungen, die Substanz des Lichts einzufangen und die sich im Tagesablauf verändernde Farbtemperatur bildhaft zu machen. Sie reflektiert dabei auf das Phänomen der Farbkonstanz, die Fähigkeit der menschlichen Wahrnehmung, ein Objekt trotz unterschiedlicher Beleuchtungsbedingungen immer in derselben Farbe zu sehen. Wie bei dem Weißabgleich einer Kamera, ist unser Auge darauf konditioniert, sich den jeweiligen Lichtgegebenheiten anzupassen und uns eine weiße Fläche sowohl im hellen Mittagslicht als auch bei einem leuchtendem Abendrot stets gleich weiß erscheinen zu lassen.
 
Seit den späten 1970er Jahren fotografiert und filmt Inge Dick weiße Flächen und führt uns mit ihrer bemerkenswerten Konzeptarbeit die chromatische Vielfalt des Lichtes eindrucksvoll vor Augen. Zwei Jahrzehnte hat sie dafür die Technik des Polaroids genutzt und mit drei unterschiedlichen Kameras einzigartige Lichtmalereien geschaffen. Ihre ersten Arbeiten entstanden mit dem quadratischen Bildformat SX 70 (7,9 x 7,9 cm), später kamen Serien mit der Mittelformat-Polaroidkamera (92 x 64,5 cm) hinzu. Bei der 99-teiligen Serie „Ein Tages Licht Weiss“ vom 13. 6. 1996 (5.07 bis 20.52 Uhr) unternahm Inge Dick den Versuch, die Farbe des Lichts in ihrem Wandel über einen Tag hinweg zu fixieren, indem eine weiße Fläche immer dann fotografiert wurde, wenn sich der Lichtwert um drei bis vier Zehntel veränderte. Diese Serie ist ein eindruckvolles Beispiel, wie radikal die Künstlerin die konzeptuellen Möglichkeiten des Polaroidmaterials auslotet. Höhepunkt der Werkgruppe Polaroid sind die 1999 am amerikanischen Firmensitz von Polaroid in Boston entstandenen Aufnahmen mit der weltweit größten Polaroidkamera, die überlebensgroße Bildformate in der Größe von 264 x 133 cm erzeugt. Diese Fotografien von monochromen Farbflächen bei unterschiedlichen Kunstlichtverhältnissen sind auch deshalb so wertvoll und bedeutend, weil es die letzten Bilder sind, die mit dieser Polaroid-Kamera offiziell aufgenommen wurden. Im Anschluss daran wurde sie wegen mangelnder Nachfrage abgebaut. Das Besondere an den Polaroids ist ihre spezifische Materialität, die malerisch wirkende Farbräume mit starker Tiefenwirkung erzeugen. Sehr reizvoll sind zudem die Reste der Entwicklungschemikalien, die die Farbflächen gestisch umrahmen und einen Kontrast zum strengen Bildformat bilden. Gemeinsam mit der handschriftlichen Angabe des Entstehungsdatums und der genauen Uhrzeit wird jede Fotografie zu einem Zeitdokument und einem unwiederbringlichem Unikat.
 
Nachdem die Polaroid-Technik ab Mitte der 2000er Jahre nicht mehr zur Verfügung steht, wendet sich Inge Dick dem Digitalfilm zu. Ein folgerichtiger Schritt, denn mit dem neuen künstlerischen Medium kann der Verlauf des ansteigenden oder abnehmenden Tageslichts als sukzessiver Prozess erlebbar gemacht werden. 2007 entsteht der Film „zinnober“, 2010 der Film „blau, unendlich“, bei dem auf der höchst gelegenen Gipfelwetterwarte Europas, dem Observatorium Sonnenblick auf 3.106 Metern Höhe, über den Zeitraum von 24 Stunden die Licht- und Farbveränderungen des Himmels filmisch dokumentiert wurden. Inge Dick ist es dabei gelungen, die natürlichen Lichterscheinungen des Himmels einzufangen und als unmittelbares ästhetisches und sinnlich-geistiges Ereignis erfahrbar zu machen.
 
Ihr jüngstes Projekt „jahres licht weiss“ ist ein mehrteiliger Zyklus, bei dem sich die Digitalfilme „herbst licht weiss” (2012), „sommer licht weiss“ (2013), „frühlings licht weiss“ (2014) und „winter licht weiss“ (2014/15) zu einem außergewöhnlichen Jahreszeiten-Projekt zusammenfügen, das die Lichtfarben einzelner Tage in Echtzeit darstellt. Alle vier Filme machen die Farbveränderungen des Tageslichtes auf einer weißen Fläche sichtbar, die im Atelier der Künstlerin im oberösterreichischen Salzkammergut gefilmt wurde. Mit einer leichten Unschärfe zeichnete die Kamera dabei die Veränderungen der Lichtintensität und den Wandel der Lichtfarbe auf, die sich über mehrere Tage hinweg ausschließlich durch den Rhythmus und Wechsel der Tageszeiten und den Einfluss der Natur bestimmt wurden. Entstanden sind dabei 383 Stunden digitales Filmmaterial, das „alle Farben spielt“. Aus diesem umfangreichen Fundus an Lichtfarben zieht die Künstlerin einzelne Farbtöne heraus und komponiert daraus poetische Fotoarbeiten, die sogenannten Filmstille.
 
Die nach ästhetischen Parametern ausgewählten Farbsequenzen werden in vertikalen Streifen chronologisch aneinander gereiht. In dieser Form macht Inge Dick die zeitliche Abfolge der Lichtfarben eines oder mehrerer Tage in der Gleichzeitigkeit des fotografischen Bildes sichtbar. Erst durch den Ausschnitt werden die absoluten Farbwerte freigelegt und von der Künstlerin mit wissenschaftlicher Präzision dokumentiert. Jeder einzelne Farbstreifen wird mit dem genauen Timecode versehen, denn jede Sekunde hat ihren eigenen Farbton, jeder Augenblick erzeugt sein eigenes Bild und besitzt seine eigene Schönheit.
 
Im direkten Vergleich der einzelnen Jahreszeitenbilder wird deutlich und sichtbar, was wir einerseits intuitiv spüren: wie die Farben und das Lichtspektrum über das Jahr hin wechseln, wie sich Frühling und Sommer in hellerer und wärmerer Schattierung präsentieren als der Herbst und Winter, in denen die kühleren Blau- und Grautöne überwiegen. Andererseits birgt die Gegenüberstellung der einzelnen Jahreszeitenbilder aber auch völlig Überraschendes: nämlich eine unerwartet reiche koloristische Orchestrierung des Lichts, die uns begeistert und im Innersten anspricht. Inge Dicks minimalistisch anmutende Streifenbilder somit sind keine abstrakten Werke, sondern Momentaufnahmen einer unmittelbaren Wirklichkeit. In ihnen ist die Zeit und folglich auch die Vergänglichkeit unabdingbar eingeschrieben. Über die Darstellung optischer Phänomene hinaus öffnen die Werke Inge Dicks auf diese Weise auch die Grenzen zu spirituellen Erfahrungsdimensionen.
 
Betrachtet man das Werk der Künstlerin der letzten 50 Jahre, so blickt man auf ein fokussiertes künstlerisches Schaffen, das mit meditativer Beharrlichkeit und Stringenz dananch strebt, Fragen nach dem Verhältnis und der Wahrnehmbarkeit von Licht auszuloten. Inge Dicks eindrucksvolles OEuvre weist visionäre Gestaltungskraft auf und leistet einen grundlegenden Beitrag zur abstrakten Gegenwartsfotografie. Zweifelsfrei gehört sie damit zu den international bedeutenden Positionen im Bereich des zeitgenössischen experimentellen Films und der Fotografie.
 
Der eingangs zitierte Hartmut Rosa ist überzeugt, dass das Prinzip der Resonanz unsere Wahrnehmung beeinflusst. Er zählt ästhetische Erlebnisse oder Erfahrungen des Im-Einklang-Seins mit der Natur zur Resonanz. Ein Kunstwerk zu betrachten kann genauso tiefe Glückserfahrungen bergen wie der Blick auf die Weite des Meeres, an dessen Horizont die Sonne untergeht. Die Kunst von Inge Dick ist ein großes Resonanzfeld, in das wir fasziniert eintauchen und das uns in der Tiefe berührt.
 
Gerda Ridler [ September 2020 ]
 
Dieser Text entstand für die Publikation: Österreichischer Kunstpreis 2020, Wien 2020
 
Künstlerinnen-Management & Nachlass-Verwaltung
Gerda Ridler wurde von der Künstlerin als ihre Nachlass-Verwalterin nominiert. Aktuell arbeitet sie mit der Künstlerin an der Dokumentation des Archiv- und Atelierbestandes.
 
Ausstellungstournee aus Anlass des 80. Geburtstags
Im Jahr 2021 wird die Künstlerin Inge Dick 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass bereitet Gerda Ridler als Kuratorin die Ausstellung „Lichtzeiten“ (Arbeitstitel) vor. Ausstellungsstationen sind:
2021 Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt, DE
2022 Lentos Kunstmuseum Linz, AT
2022 Stiftung für Konkrete Kunst, Soest, DE