Notice: Undefined variable: idd in /home/.sites/84/site2667239/web/cms/wp-content/themes/ue-ridler/single-projekte.php on line 8 Gerda Ridler | Inge_Dick_Monografie

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Inge Dick, herbst licht weiss, 2012/19-16/11, 2016
125 x 442,5 cm

Die Schönheit eines Augenblicks. Zur Werkserie jahres licht weiss von Inge Dick. In: Inge Dick, hrsg. von Gerda Ridler, München 2021
 

Kontemplation, Harmonie, Ausgewogenheit, Stille,
dies ist der unsichtbare Faden, der meinen Anspruch webt.
Antonio Calderara

 
Bei Inge Dick ist jeder Schritt in ein neues künstlerisches Kapitel ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Eine Kunst, die sich in Routine und steter Wiederholung erschöpft, wäre für sie unbefriedigend. Ihre künstlerische Entwicklung zeigt, dass ein experimenteller Verlauf immer wieder Neues in die Welt zu setzen vermag. Experimentell heißt aber nicht, alles Mögliche auszuprobieren und aufzugeben, wenn sich kurzfristig kein Effekt erzielen lässt. Ihr Werk lässt erkennen, dass neben Konsequenz und Kontinuität vor allem Neugier, Mut, Entschlossenheit und ausgeprägte Professionalität zum Erfolg führen. Nur eine Kunst, zu deren Wesen auch das Scheitern gehört, die immer wieder Gratwanderungen, Ungewissheiten und Abenteuer auf sich nimmt, birgt Überraschendes und Neues in sich.
 
Solch eine Neuerung ist die Werkserie jahres licht weiss. Sie entsteht im Zeitraum von August 2012 bis Januar 2015 und besteht aus vier Digitalfilmen, die sich zu einem außergewöhnlichen Jahreszeitenprojekt zusammenfügen. Alle vier Filme machen die Farbveränderungen des Tageslichts auf einer weißen Fläche sichtbar, die im Atelier der Künstlerin im oberösterreichischen Salzkammergut gefilmt wurde. Direkt am See gelegen, ist das Natur- und Lichterlebnis an diesem Ort besonders intensiv, denn die unterschiedlichen Wetterverhältnisse erzeugen durch die Reflexionen des Lichts an der Wasseroberfläche stets andere Stimmungen und Farbeindrücke. jahres licht weiss ist eine besondere Form der künstlerischen Dokumentation, bei der es Inge Dick gelungen ist, das Licht zu visualisieren und seine chromatische Subtilität zu erschließen.
 
Experimente mit einem unfassbaren Stoff
Inge Dick arbeitet mit natürlichem Licht, das zwar keine physisch greifbare, aber eine über die Wahrnehmung fühlbare Präsenz besitzt. In jahrelanger Forschungsarbeit ist es ihr bereits mit der Technik des Polaroids gelungen, die Substanz des Lichts einzufangen und die sich verändernde Farbtemperatur eines Tages bildhaft zu machen. Während dieser Prozess mit der Polaroidfotografie in seriellen Einzelaufnahmen dargestellt wird, bietet der Digitalfilm die Möglichkeit, den Verlauf des ansteigenden oder abnehmenden Tageslichts als Prozess erlebbar zu machen.
 
Abenteuer mit offenem Ausgang
Am 28. August 2012 startet Inge Dick ihr Experiment. Es ist ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Erstmals richtet sie eine Digitalkamera auf eine weiße Wand in ihrem Atelier, das sie zuvor weiträumig mit weißem Papier und Stoffen ausgekleidet hat. Das Tageslicht dringt durch zahlreiche Fensteröffnungen und Oberlichter in den hohen Raum ein, in dem Markus Fischer, Dicks technischer Partner bei dieser Arbeit, seine neue Digitalkamera aufgebaut hat. Mit einer leichten Unschärfe zeichnet die Kamera drei Tage lang, von jeweils kurz vor Sonnenaufgang bis kurz nach Sonnenuntergang, die Veränderungen der Lichtintensität und den Wandel der Lichtfarbe auf der weißen Fläche auf – ausschließlich bestimmt durch den Rhythmus der Tageszeiten und den Einfluss der Natur.
 
Das Ergebnis des 55-Stunden-Films versetzt sowohl die Künstlerin als auch den erfahrenen Kameramann in Staunen. Der Film fördert ein faszinierendes Farbspektrum zutage und zeigt annähernd alle sichtbaren Farben des weißen Lichts. Das Kameraauge kann sehen, was dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Denn der menschliche Sehsinn besitzt durch die chromatische Adaption die Fähigkeit, ein Objekt trotz unterschiedlicher Beleuchtungsbedingungen immer in derselben Farbe zu sehen. Unser Auge ist darauf konditioniert, sich den jeweiligen Lichtgegebenheiten anzupassen und uns eine weiße Fläche sowohl im hellen Mittagslicht als auch bei einem leuchtenden Abendrot stets gleich weiß erscheinen zu lassen. Mit ihrer bemerkenswerten Konzeptarbeit führt uns Inge Dick vor Augen, wie subjektiv unsere Wahrnehmung im Vergleich zu den (objektiven) Aufzeichnungen einer Kamera ist.
 
Farbe bekennen
Auch wenn es ursprünglich nicht intendiert war, folgen dem ersten Filmprojekt herbst licht weiss (2012) drei weitere: sommer licht weiss (2013), frühlings licht weiss (2014) und winter licht weiss (2014/15), um als Jahreszeitenzyklus die erstaunliche Farbenpracht eines ganzen Jahres zu vereinen. Insgesamt umfasst das Projekt 382 Stunden und 54 Minuten digitales Istzeit-Filmmaterial. Es dient der Künstlerin als Basis und Quelle für den nachfolgenden künstlerischen Auswahlprozess, bei dem aus dem Film Einzelbilder extrahiert und zu den sogenannten Filmstills zusammengefügt werden.
 
Trotz des eng begrenzten systematischen Arbeitsprinzips gewährt das reiche Spektrum der Farben der Künstlerin ein Höchstmaß an gestalterischer Freiheit, und Inge Dick überlässt dabei nichts dem Zufall. Präzise und sorgfältig wird jede einzelne Fotoarbeit nach ästhetischen Parametern komponiert. Die ausgewählten Farbsequenzen werden in gleich breiten, vertikalen Linien chronologisch aneinandergereiht, um so die zeitliche Abfolge der Lichtfarben eines oder mehrerer Tage in der Gleichzeitigkeit des fotografischen Bildes sichtbar zu machen. Denn erst der Ausschnitt legt die absoluten Farbwerte frei und macht die chromatische Vielfalt für die Betrachterinnen und Betrachter visuell erlebbar. Inge Dick folgt bei der Auswahl der Farben keinem gleichförmigen Zeitraster, daher können die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Farben variieren. In diesem selektiven Vorgehen kommt das feine koloristische Gespür der Künstlerin zum Ausdruck.
 
Die Farben des Herbstlichts
Der großformatige Filmstill 2012/19-16/11, 2016 dokumentiert das farbige Lichtspektrum von drei Herbsttagen in komprimierter Form und chronologischer Abfolge. In Leserichtung von links nach rechts präsentieren sich zuerst die gelblich-rosafarbenen und orange- bis braunfarbenen Töne, die dem Abendrot vom 28. August 2012 entstammen. Sie gehen in ein Nachtschwarz über, um am Morgen des 24. September in hellen Grau-, Blau- und sanften Grüntönen zu erstrahlen. Die Mittagszeit zeigt sich in einem gleißenden Weiß, gefolgt von feinen Mintfarben und nuancierten blaugrauen Farbschattierungen. Die heftige Bewölkung und der starke Regen an diesem Nachmittag spiegeln sich in grauen Abschnitten. Den dunkelblauen Abendstunden und dem Schwarz der Nacht folgen am Morgen des 25. September kostbar leuchtende Violett- und Blautöne, die mit zunehmendem Tagesbeginn stetig heller werden und in zartem Türkis enden.
 
Sommerfarben als Covermotiv
Das Cover der vorliegenden Publikation zeigt einen Ausschnitt aus dem Filmstill sommer licht weiss mit der Werknummer 2013/42-16/9. Er zeigt die Lichtfarben eines sommerlichen Sonnenuntergangs. Am 2. Juli 2013 wechselten die Farben des Lichts innerhalb von 40 Minuten von feinem Blass- und Hellgeb über eine Vielfalt von unterschiedlichen rosa- und fliederfarbenen Tönen bis hin zu variantenreichen Blaunuancen. Die Licht- und Farbschwankungen in den gelben Bereichen und das leichte Grau, das sich in die rosafarbenen Zonen mischt, wurden durch eine zarte Schleierbewölkung hervorgerufen. Am Bucheinband beginnen diese Dämmerungsfarben auf der Rückseite mit der Zeitangabe „20:42:17“ und enden am vorderen Buchcover um „21:21:03“ Uhr.
 
Unmittelbare Wirklichkeit
Jeder einzelne Farbstreifen wird von Inge Dick präzise dokumentiert und mit dem Timecode seiner Aufnahme (Angabe der Stunde, Minute und Sekunde) versehen. So können die vielfältigen Farben eines lichten Tages exakt zugeordnet und objektiv nachvollzogen werden.
Bei der Betrachtung der einzelnen Jahreszeitenbilder werden unsere Erwartungen an jahreszeitliche Lichtqualitäten einerseits bestätigt, andererseits von der reichen Farb-Orchestrierung des Lichts aber auch vollkommen übertroffen. Im Vergleich wird deutlich und sichtbar, was wir intuitiv spüren: dass die Farben und das Lichtspektrum über das Jahr hin wechseln und jede Jahreszeit ihre eigene Farbwirkung und atmosphärische Ausstrahlung hat. Eine gewisse Vertrautheit stellt sich beim Anblick dieser Bilder ein – Erinnerungen, Stimmungen und Gefühlsräume entstehen, wenn wir in die Farben einer Jahreszeit eintauchen. Obwohl diese Werke streng konzeptuell angelegt sind, sind sie imstande, emotionale Qualitäten zu vermitteln.
 
Jeder Augenblick besitzt seine eigene Schönheit
Um die zahlreichen kostbaren Farben der vier Jahreszeiten noch intensiver erlebbar zu machen, hat Inge Dick jüngst eine neue Spielart der Präsentation entwickelt. Aus der beeindruckenden Farbenvielfalt einer Jahreszeit wählt die Künstlerin einzelne Farbtöne aus, die als Kompositionen von 15 oder 20 Farbquadraten zu einem gemeinsamen Tableau geordnet werden. Diese Anordnung macht ein noch differenziertes Farberlebnis möglich. Es sind unwiederbringliche Augenblicke und besondere Lichtstimmungen, die uns die Künstlerin hier präsentiert: etwa graue und zartblaue Farbsequenzen, die einen winterlichen Schneesturm visualisieren. Oder eine imposante herbstliche Morgenstimmung, die in prächtigen Violett- und Blautönen zutage tritt – momenthafte Farberlebnisse aus einem Zeitraum von nur sieben Minuten. Selbst wenn wir diese kurzen Zeitspannen miterlebt hätten, wäre unser Auge zu träge, um die Nuancen unterscheiden zu können, und unser Gedächtnis zu schwach, um all diese Farben zu memorieren. Inge Dick ist eine Verehrerin des Flüchtigen und sie hält den Zauber von Sekunden in Form von Lichtfarben fest. Egal ob in Streifenform oder in Einzelbildern zu großen Ensembles komponiert – in immer neuen Variationen verwandelt Inge Dick die abstrakten Farbabfolgen zu komplexen und authentischen Ereignisbildern.
 
Geometrisch reduzierte Bildsprache
Inge Dicks gestalterische Freude an der Ordnung zeigt sich in der formalen Reduktion und geometrischen Strukturierung all ihrer Werke. Für die Darstellung der Lichtfarben aus den Filmen von jahres licht weiss nutzt die Künstlerin vornehmlich ein vertikales Streifenraster. Dieses Strukturprinzip ist gängiges Vokabular der konkreten Kunst und lässt sich auch bei zahlreichen anderen Künstlerinnen und Künstlern finden. Meist wird es angewandt, um die Wirkung und Wahrnehmung von Farben zu untersuchen. Im Unterschied dazu ist Inge Dick nicht an optischen Effekten, sondern an einer rationalen und strukturierten Umsetzung interessiert. Die Anordnung in senkrechten Balken bietet ihr die Möglichkeit, durch den Lichtverlauf einen Farbverlauf und damit auch einen Zeitverlauf sichtbar zu machen.
 
Faszination des Vergänglichen
Die Fotografie und der Film sind unlösbar mit der Zeit verknüpft. Die dargestellten Ereignisse sind im Moment des Festhaltens schon Vergangenheit. „Fotos liefern Augenblicksgeschichte, Augenblickssoziologie, Augenblicksteilnahme“, so Susan Sontag in ihrem Essay Über Fotografie. Auch die Filmstills von Inge Dick bewahren Augenblicke als farbige Erinnerungen. Sie zeigen uns, dass jeder Moment kostbar ist, jeder Sekunde ihr eigenes Bild erzeugt und jeder Augenblick seine eigene, flüchtige Schönheit besitzt. Über ihr besonderes Seherlebnis hinaus führen uns die Filmstills von Inge Dick auch die Magie des Vergänglichen vor Augen und beziehen sich mit ihrer Vanitas-Symbolik auf eine typische Bedeutung traditioneller Jahreszeitenbilder.
 
Die vier Jahreszeiten
Die Kunstgeschichte kennt zahlreiche Jahreszeitenzyklen, prominente Beispiele vergangener Jahrhunderte sind Giuseppe Arcimboldos (1526–1593) Porträtköpfe aus Früchten und Pflanzenteilen oder Pieter Bruegels (um 1525/30–1569) großformatige Tafelbilder mit saisonalen Tätigkeiten aus dem ländlichen Bereich. Meist als mehrteilige Serien angelegt, stellen sie den Kreislauf der Natur, das Werden und Vergehen, die Vergänglichkeit und die Erneuerung dar.
 
Mit Lichtstimmungen im Wechsel der Jahreszeiten haben sich erstmals William Turner (1775–1851) und Claude Monet (1840–1926) auseinandergesetzt. Besonders Monet hat in der Darstellung seiner immer gleichen Motive zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten deutlich gemacht, dass Farben im natürlichen Licht ihre Anmutung verändern. Inge Dick geht noch einen Schritt weiter. Mit jahres licht weiss macht sie die Quelle der Sichtbarkeit sichtbar. Das Licht, das uns gewöhnlich erst dazu in die Lage versetzt, Dinge zu sehen, wird bei ihr selbst zum Motiv. Inge Dick hat eine Technik und einen Stil entwickelt, der ihr Œuvre trotz der zahlreichen historischen und zeitgenössischen Licht- und Farbarbeiten einmalig und unverwechselbar macht.
 
Harmonie, Ausgewogenheit, Stille
Das eingangs zitierte Leitmotiv von Antonio Calderara (1903–1978), der für Inge Dick ein großes Vorbild und in gewisser Weise auch ein Lehrmeister war, kann für die Arbeiten der Werkserie jahres licht weiss gleichermaßen Geltung finden. Sich in die reiche Farbenpracht eines Jahreszeitenbildes zu vertiefen, erzeugt ein Gefühl von Harmonie, von Ausgewogenheit und Stille. Die Kunst von Inge Dick kommt leise und zurückhaltend daher, sie entspricht damit auch der Persönlichkeitsstruktur der Künstlerin. Mit ihren Werken möchte Inge Dick Ruhe vermitteln und Kontemplation ermöglichen. In unserer rastlosen und lauten Zeit ist das ein willkommenes Geschenk und eine wahre Wohltat.
 
Gerda Ridler [ Juni 2021 ]